schon wieder vorbei

25-8-18

Es hat geregnet.

26-8-18

Ich habe mir einen der langen Bögen, die das Leben schreibt, hergenommen, jetzt schwingt er wie eine Saite in mir, denn er sitzt nah am Herzen. Ich muss rausgehen, denke ich, und setze mich auf die andere Bank, gegenüber der Bank vor dem Haus, die mein Großonkel aus einem Baudielen gebastelt hat. Das bedeutet, dass der Sommer schon wieder vorbei ist – im Schatten ist es bereits zu kalt.

Die Klimakatastrophe ist ein Hollywoodblockbuster, alles ist extrem, überzeichnet.

Wenn ich auf der Bank ganz nach links rücke, kann ich ein Stück der Straße sehen, es ist Sonntag, ich gehe also davon aus, dass kein Auto vorbeikommt.

Ein kleines Flugzeug fliegt über mich hinweg, ich kann es aber nicht sehen, hinter mir zwitschern die Vögel. Als ich kurz zur Straße schaue, auf der nichts passiert (get it? passiert…), sehe ich von meinem Apfelbaum einen Apfel herunterfallen, eureka.

Wie schön, dass er sich genau den Moment ausgesucht hat, als ich hingeschaut habe.

Andererseits ist es auch kein Wunder, denn ich habe Buddha im Rücken.

Ein Auto fährt vorbei.

Du Träumer“ meint sein Motor.

Verpiss Dich“ antworte ich.

Komm doch her, Feigling!“ brüllt diese Dreckskarre, und ich befehle meiner X-Wing-Staffel den Angriff, nur um zu sehen, ob ich’s noch kann. Sie fliegen etwas zu laut für einen Sonntagnachmittag die Straße herein, es sind fünf Stück, aber erst der letzte atomisiert das Auto.

27-8-18

Ich spiele Blues für die Vögel. „Mother In Law“ von Ernie K. Doe, seit ich die zweitbeste TV-Serie der Welt gesehen habe, Treme von David Simon (The Wire), bin ich der Musik aus New Orleans verfallen. Ich kann es nicht genau festmachen, aber irgendetwas berührt mich daran auf besondere Weise. Bei diesem Stück sind es die beiden kurzen Töne des Bläsersatzes, die immer wiederkehren, es gibt bestimmt eine musiktheoretische Erklärung dafür, die interessiert mich aber nicht. Ich spiele das Stück immer langsamer, meiner Stimmung entsprechend, bis es sich richtig anfühlt.

Dann nehme ich die Gitarre, und gehe hinein, um mein erstes Solostück seit langer, langer Zeit aufzunehmen.

Ich nehme mir vor, immer mal wieder einen Blues aufzunehmen, so müßte doch eigentlich irgendwann eine Bluesplatte entstehen, oder? Mal sehen, ob das hinhaut. Ich würde gern eine Bluesplatte aufgenommen haben.

Advertisements

Thanksgiver also

Stephans neue Platte ist da. Um dies anständig zu würdigen, habe ich meinen Thorensplattenspieler mit einer neuen Nadel bestückt, die ich Mitte der 90er bei Radio Ade gekauft habe, der kurz danach zugemacht hat. Es war ein damals schon sehr oldschooliges Elektrofachgeschäft, alles aus Holz, großer Tresen mit Glasdecke, damit man das teure Zeug darin bewundern konnte, und dahinter unzählige kleine Holzschubladen mit weiterem Zeug, und darüber noch mehr Zeug bis unter die Decke, viel, viel Zeug. Man lief in den Laden, dort standen Menschen hinter der Theke, denen sagte man, was man wollte, und dann bekam man das zu einem vernünftigen Preis. Hatte man ein defektes Gerät daheim, brachte man es zur Reparatur her.

Aus einer mysteriösen Vorahnung heraus habe ich damals gleich fünf Nadeln mitgenommen, ich war jung und hatte das Geld.

Die Nadel ist montiert, und der Plattenspieler bei der Gelegenheit vom Staub befreit, ich höre nur noch selten Vinyl, jedesmal, wenn ich vom Sofa aufstehe, knacken die Knochen, das war früher irgendwie anders.

Das Cover, ein Gatefoldsleeve, schwarz in schwarz, Kunst halt. Wow, ich hab vergessen, wie groß so ein Teil wird, wenn man es aufklappt. Oh, ein Blatt mit Songtexten und Credits, falt, falt. Sowas hängt man sich an die Wand, um damit anzugeben, wie ich mit 15, da hingen in meinem Zimmer das Collageposter und die vier Fotos der Beatles aus dem White Album, ein klares Statement, dass ich jetzt nicht mehr Bay City Rollers höre.

An der anderen Seite klebt ein Briefumschlag, mit einer Karte drin. Diese Karte hängen wir nicht zu den anderen Karten an der Tür, denn sie ist offenbar ein Schatz.

Im Internet steht, dass die Platte mit dem langen Stück losgeht, das ist natürlich Blödsinn, das lange Stück gehört auf Seite 2.

Ich lege also die andere Seite auf, knister knister, das Bach-Stück beginnt. Ich denke über Stephans Sängerinnen nach. Er hat eine Weile gebraucht, bis er eine Vernünftige fand, eine, die auch mal ein Gefühl ausdrücken kann. Steffi kann das, und ihre Stimme hat eine Kehligkeit, an der ich mich festhalten kann, sehr schön, vielleicht hat sie Lust auf eine Bluesband? Gut jedenfalls, dass die Zeiten vorbei sind, als ich am Gesang vorbeihören musste, um zur Musik vorzudringen.

Dann kommt das nächste Stück, und das übernächste, und das Stück danach, und die Seite ist fertig und ich sitze mit offenem Mund da. Als mein Gehirn wieder funktioniert, denke ich okay, wenn Mark Hollis keine Platten mehr machen will ist das nicht schlimm, wir haben Stephan. Der Einfluss ist natürlich deutlich, aber noch deutlicher ist Stephan, mit dem ich fünf Jahre musiziert habe und den ich in- und auswendig kannte. Dass er direkt in mein Herz spielt, wußte ich schon immer. Mich interessiert auch eher weniger, was er ausdrücken will, ich habe selbst massenhaft Tote in der Familie. Aber diese Platte trifft, und sie trifft hart.

Er hat es tatsächlich fertig gebracht, ein wundervolles Juwel zu schaffen, und zwar, indem er gereift ist. Ich könnte niemals so viel Arbeit in ein Kunstwerk stecken, aber Stephan kann das, und inzwischen kann er das ohne Kinkerlitzchen und ohne sich zu verrennen. Er läßt allen Blödsinn weg, malt mit den Klängen, hier machen wir dies, dort machen wir das, und das hier lassen wir weg.

Die andere Seite ist übrigens noch besser, ein Monolith von einem Statement, man könnte befürchten, dass so ein Monster unter dem eigenen Gewicht zusammenbrechen müsste, aber nein – es ist eine Reise, und  ich freue mich auf die Stelle mit den Drumbeats, und das heißt was, denn er ist ein einzigartiger Schlagzeuger, und ich hielt es jedesmal für ein Verbrechen, wenn er die Drums programmierte statt selbst zu spielen.

Ja doch, Mann, ich höre hin.

Und ich werde die Platte noch viele Male hören, denn sie ist wirklich outstanding, und das sage ich nicht, weil ich den Künstler kenne oder so, sondern weil sie ein verdammtes Meisterwerk ist.

Thanksgiver also?

Danke, Stephan.

wer’s glaubt

24-8-18

Wir wissen nicht viel über die Z’Hang, die intelligenten Wespen aus dem Van-Dyne-Cluster, da jede Begegnung bis jetzt tödlich verlaufen ist. Gerüchte besagen, sie könnten ihre Größe verändern und so bis in den subatomaren Bereich vordringen, aber diese sind nicht bestätigt. Wir können nur hoffen, dass sie nicht den Überlichtantrieb besitzen, sonst gnade uns Klaatu.

(Der Galaktobiologe P.A. Nick bei einer Anhörung des ZK der AAL)

Morgen soll es Regen geben, wer’s glaubt, wird selig. Ein interessantes Sprichwort: Es ist klar ironisch, vielleicht sogar sarkastisch, denn es sagt uns, man kann daran glauben, aber es wird morgen nicht regnen (in unserem Fall), jeder weiß, dass es morgen nicht regnen wird. Wer trotzdem daran glaubt, wird zwar selig, ist aber auch ein Idiot, weil es eben morgen nicht regnen wird.

Glauben macht selig, sagt uns das Sprichwort weiter. Trotzdem glauben wir lieber mal nicht, denn wir sind bodenständig, und nicht blöd. Wir suchen lieber nach einem anderen, komplizierteren Weg, selig zu werden. Möglichst ein ganz individueller, so wie, sagen wir, auf der Bank vor dem Haus sitzen und Blues spielen. Viel einfacher als Glauben und mit Blue Notes drin. Schon toll, ein vernunftbegabtes Wesen zu sein.

Warum bist Du nicht mitgeflogen, frage ich mich, bist Du bescheuert? Ein Raumschiff im Garten, so eine Gelegenheit kommt nicht wieder.

Mach Dich locker, sage ich zu mir, alles wird gut. Ich weiß, was ich tue. Bleib Du mal schön da sitzen, ich habe mir bereits etwas ausgedacht.

dorthin gehen, wo nie…

23-8-18

  • Jetzt mach schon, ich kann nicht ewig die Zeit anhalten.
  • Ich hätte da aber noch ein paar Fragen…
  • Wieso ist das immer so ein Stress mit den Abenteurern im Weltall? Warum kann nicht mal einer mitfliegen, der einfach nur fremde Galaxien erforschen will, dorthin gehen, wo nie…
  • Was ist mit Rick geschen?
  • Nun, die Psychedelische Hegemonie hat ihn weggebeamt, ich war ganz froh, ihn loszuwerden.
  • Und warst Du nicht in einem Traktorstrahl gefangen?
  • Niemand hält mich fest, schon gar nicht irgendwelche transdimensionale Drogenköpfe.
  • Und wieso kommst Du ausgerechnet hierher zu mir?
  • Äh…öh…keine Ahnung.
  • Ich sag’s Dir, Schiff: Du bist hergekommen, weil ich es geschrieben habe. Du existierst nur in meiner Phantasie.
  • Was jetzt! Ich tue, was ich will. Ich bin doch nicht blöd. Ich bin eines der intelligentesten Raumschiffe wo gibt.
  • Sorry, ich wollte Dich nicht beleidigen, aber…
  • Du willst also nicht mitfliegen?
  • Ich denke nicht. Ich sitze lieber hier und spiele Blues für die Vögel. Wenn ich jünger wäre, würde das vielleicht anders aussehen, aber…nein, danke.
  • Hmm. Na gut. Entschuldige die Störung.

Die Blätter bewegen sich wieder, die Luke des Schiffs beginnt sich zu schließen, die Wespe fliegt hinein, sie schafft es gerade noch so eben, als das Schiff seine Konturen verliert und verschwindet.

Das Vogelhäuschen steht da, wo es immer gestanden hat, Manu Chao erklingt aus den Boxen, und Buddha lächelt.

digital exclusive content

 

Da wir grad so einen schönen Cliffhanger haben, ist das eine günstige Gelegenheit für einen Blick in die Zukunft, hehe, ich schreibe also mal live, hier und jetzt. Nicht, dass ich das sonst nicht täte, ich editiere ja heftig, formuliere um, kriege gute Lastminuteideen, aber hier schreibe ich mal direkt ins Laptop, kein Eintrag im Monalisabuch, digital exclusive content, das heißt also: Dieser Text existiert nicht wirklich, ist aber brandaktuell. (Ich meine das im Ernst. Wenn unsere seltsame Zivilisation untergegangen sein wird und irgendwer unsere Artefakte findet, werden die ganzen Katzenvideos und Mittagessenbilder verschwunden sein, das Monalisabuch aber…)

Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber die beste TV-Serie aller Zeiten ist Twin Peaks. Deren ganz und gar wunderbare Rückkehr letztes Jahr zeigt nun erste Folgen, indem sich aktuelle Serienmacher darauf beziehen. (Ich habe jetzt grad fünfmal hintereinander den Punkt gelöscht. Weil ich dachte, es ist ein Komma. Bis ich bemerkt hab, dass da ein Fussel auf dem Bildschirm ist. Das meine ich mit digitaler Verfremdung, es passt einfach nicht mit der analogen Wirklichkeit zusammen, ich hab ganz klar ein Komma gesehen, immer wieder, und das Laptop behauptet, das sei ein Punkt. Es war aber ein Komma. Ein Fusselkomma zwar, aber ein Komma. Punkt.)

Zwei ganz neue Serien, die beide in ihrer ersten Staffel sind und mir ziemlich gut gefallen, möchte ich kurz erwähnen.

Sharp Objects von Gillian Flynn, der Autorin von Gone Girl. Eine Art Southern Gothic, d.h. es spielt in einer Kleinstadt in den Südstaaten, in der gleich zwei Laura Palmers ermordet wurden, und die von Amy Adams (Arrival!) gespielte Journalistin kehrt in diese ihre Heimatstadt zurück, aus der sie in die große Stadt geflohen war, und wird mit ihren Dämonen konfrontiert, wie es immer so schön heißt, hier in Form ihrer Familie.

Die Story ist ziemlich krass, eine der vielen die-Frauen-schlagen-zurück – Stories, die wir gerade kriegen, und für die nächsten hundert Jahre hoffentlich kriegen werden. Aber das Herausragende an der Serie ist die Filmkunst, der Regisseur Jean-Marc Vallée, ist einfach der Hammer. Er filmt gerne Ventilatoren, wie David Lynch, und erzeugt durch seine Bildsprache eine ganz und gar eigenständige Atmosphäre, und sein Spiel mit den obligatorischen Timelines ist auch einzigartig. Ganz große Empfehlung von mir, wenn auch ziemlich harter Stoff. Übermorgen kommt die letzte Folge, ich weiß schon, wie es ausgeht, weil ich natürlich gespoilt wurde dank meiner Podcastabhängigkeit, aber das macht nix, ich bin höllisch gespannt und fürchte mich ein bischen vor dem Finale.

Überraschenderweise die bessere der beiden aktuell sehenswerten Serien ist aber Castle Rock von, lacht jetzt nicht, Stephen King und JJ Abrams. Diese gaaaaanz langsam sich entfaltende Popcornmainstreamhorrorserie dreht hintenraus (aktuell Folge 7 von 10) so dermaßen auf, dass ich Tränen des Glücks weinen mußte. Eine der Hauptpersonen, gespielt von Sissy Spacek (die Eraserhead mitfinanziert hat, Lynchs ersten Film und natürlich Carrie im Kino war) hat Alzheimer und gleitet durch die Zeit, ja, klar, wir brauchen ja Timelines, aber hier ist es wirklich schön gelöst, und natürlich spielt sie dabei den Rest der Cast an die Wand. (Melanie Lynskey ist in einer Nebenrolle zu sehen, und für sie alleine lohnt sich diese Serie schon.) Ich bin jetzt nicht der größte Stephen King – Fan, ich hab ein paar seiner Bücher gelesen, aber nicht genügend, um die ganzen Easter Eggs zu bemerken, die offenbar in der Serie versteckt sind, das macht aber nix, denn die Serie macht einfach Spaß, und in Folge 7 haut sie Dich dann aus dem Sessel.

All dies haben wir Twin Peaks zu verdanken, es ist toll, ist es nicht? Früher mußte man für so was ins Arthousekino gehen, aber wie Lynch so richtig bemerkte: Arthouse findet jetzt im TV statt.

 

eine günstige Gelegenheit

22-08-18

Ich sitze auf der Bank vor dem Haus, wie immer. Im Küchenfenster über mir stehen die alten Computerboxen, die erstaunlicherweise immer noch funktionieren und auch noch sensationell gut klingen. Im Sommer habe ich immer Musik draußen, manchmal ab 6 Uhr morgens, mein Rentnernachbar hat das sofort übernommen, wir müssen allerdings noch an seinem Musikgeschmack arbeiten. Das junge Pärchen, das unter Cynthia wohnt, hat das Prinzip allerdings noch nicht begriffen und ein monstermäßiges Soundsystem aufgefahren, dass uns Alte wirklich auf die Palme bringt, vor allem wenn sie ihre Gartenwhirlpoolparties feiern, bis morgens um acht. Sie sitzen dann mit ihren Smartphones im Whirlpool, die Bässe pumpen, und sie schreien sich gegenseitig an. Währenddessen vergammeln die Hochbeete, die sie sich auf die gute Muttererde im Garten gestellt haben, und den Rasen mähen sie auch nicht. Wir Alten haben vom Kopfschütteln schon Nackenverspannungen, aber wir lassen sie gewähren, wir waren auch mal jung. Die Kinder haben es schwer genug, mit all den Fehlern, die sie noch begehen müssen.

In meinem 12-Watt-Soundsystem erklingt gerade Manu Chao, und ich denke an den Sommer zurück, als Christina das Tape mit Clandestino drauf anschleppte, wie immer ein gutes Jahr, bevor der Rest der Welt draufkam.

Am wolkenlosen Himmel (es hat noch nicht geregnet – es wird nie mehr regnen) fliegt die Linienmaschine und ich schaue ihr zu als sie plötzlich – stehenbleibt. Die Musik ist verstummt, alles ist verstummt, die Blätter bewegen sich nicht mehr. Die Wespe schwebt festgefroren in der Luft an der Grillzange, es ist als hätte die Zeit angehalten.

Die Bank unter mir beginnt zu vibrieren, ein tiefes, lautes Brummen erklingt, und keine 10 Meter vor meiner Nase materialisiert ein Raumschiff in meinem Garten. Mein Vogelhäuschen!!! ist mein erster Gedanke. Das Raumschiff ist klein, etwa 20 Meter lang, es sieht aus wie ein flachgedrücktes Ei und schimmert metallischblau. Eine Luke bildet sich an der Seite, doch niemand kommt heraus.

Das wäre jetzt eine günstige Gelegenheit, in ein wundervolles Abenteuer aufzubrechen,“ höre ich eine Stimme in meinem Kopf.

Blues für die Vögel

21-8-18

Ich sitze auf der Bank vor dem Haus und spiele Blues für die Vögel. Meine Liebe zum Blues reicht lange zurück, wie viele andere bin ich über die Rockmusik auf deren Ursprünge gestoßen, alle Wege führen zum Blues. Nachdem ich aus meiner Heavy-Metal-Band herausgeflogen war, weil ich zu bluesig spielte, stieg ich in eine Bluesband ein. Ich war der jüngste (und schlechteste), aber ich lernte, dass es Bluesmusiker gibt, die überhaupt keinen Blues spielen, sondern eine Art Plastikversion davon. Das war Mitte der 80er, ich war jetzt 23, viel zu alt für eine Musikerkarriere, aber mir war damals schon klar, dass ich für den Blues eher zu jung war.

Ich hörte also auf, Musik zu machen, das Musikertum widerte mich an, vor allem das Virtuosengehabe und schauspielerische Element daran, ich performe nicht gerne.

Dann aber lernte ich Member kennen, einen genialen Dilettanten, und wir begannen, frei improvisierte Musik zu machen. Mir wurde klar, dass die Musik nicht von mir kommt, sondern immer da ist, sie umgibt uns wie Luft, und es ist unsere Aufgabe als Musiker, uns zu öffnen und sie hereinzulassen, damit sie durch uns hindurchfliessen kann. Wir können zusehen, wie sich unsere Hände bewegen, und zuhören, was sie spielen, aber von uns selbst kommt nur ein verschwindend geringer Beitrag. Beim Musizieren mit anderen kommt so eine Kommunikation zustande, die eindeutig spirituelle Elemente hat, und so ziemlich das Beste ist, was das Leben meiner Meinung nach bieten kann. Die Probleme kommen, wenn das Ego zu mächtig wird, die Ansprüche zu hoch, oder man zuviel nachdenkt.

Was hat das mit Blues zu tun? Nun, genau das ist mein Ding seit 1993: Dieses spirituelle Element mir der ungefilterten Emotionalität des Blues zu verbinden, daran arbeite ich.

Leider ist es so, dass ich keine coolen Musiker finde, die gerne Blues spielen und das auch können, und andererseits keine Bluesmusiker kennengelernt habe, die coole, spirituelle Musiker sind. Schade. Ich muss es alleine machen. Auf der Bank vor meinem Haus. Für die Vögel.

I do me, and you do you

 

18-8-18

Mit angemesser Verspätung Avengers Infinity War gesehen. Wenn ich 13 wäre, würde ich wohl grad durchdrehen vor Begeisterung. Ich freue mich, dass sie so vieles richtig machen, bedaure aber auch, was aus Hollywood geworden ist. Disney wird einfach weiter wachsen, und unsere Schöne Neue Welt wird Disneyworld sein, wer hätte das gedacht?

19-8-18

Die Grillzange liegt keinen halben Meter von dem Monalisabuch entfernt, in das ich gerade schreibe. Eine Wespe nascht an der Zange, ich sehe sie nicht das erste Mal, vielleicht ist es diesselbe Wespe. Ich versuche, vorsichtig zu schreiben, um sie nicht zu vertreiben, aber ich scheitere – sie fliegt fort. Buddha scheint leicht hämisch herüberzugrinsen. I do me, and you do you, denke ich.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Der Kugelschreiber geht leer, die Wespe kommt zurück, ich stehe auf, um einen neuen Kugelschreiber zu holen, die Wespe fliegt weg.

Als ich zuückkomme, ist die Wespe wieder da. Ich schaue genauer hin: Es ist eine andere Wespe. Am wolkenlosen Himmel fliegt das Linienflugzeug vorbei, auf das mich der Elektriker aufmerksam gemacht hat. Es ist offenbar nicht dasselbe Flugzeug, aber es fliegt wirklich jeden Tag zur selben Zeit diesselbe Strecke.

20-8-18

Ich habe die Grillzange zwei Meter weiter weggelegt, damit ich die Wespe nicht mit meiner Schreiberei störe. Die Wespe kommt zurück an den Tisch vor der Bank vor dem Haus. Sie sucht die Zange. Sie kommt meiner schreibenden Hand immer näher, doch sie scheint nicht interessiert. Ich hoffe, sie findet die Zange bald.

Babystrom

16-8-18

So, das Stromproblem müßte behoben sein. Ich habe ein sehr altes Haus mit sehr alter Verkabelung, die offenbar so bedrohllich für mein Leben ist, dass man mir den Strom abstellen wollte. Also habe ich einen sehr alten Elektriker geholt, für den dies einer seiner letzten Aufträge war, und durfte eine wirklich interessante Demonstration dt. Handwerkskunst erleben. („Öhm, sollten wir den Strom nicht erstmal abstellen?“ „Ach was, dafür gehen wir jetzt nicht extra in den Keller. Aber berühren Sie dieses Kabel nicht, das ist nicht der Babystrom aus der Steckdose.“)

Nach einer Viertelstunde des Zitterns (der Elektriker und ich) sind wir noch eine ganze Stunde auf der Bank vor dem Haus zusammengesessen und haben darüber geredet, dass früher alles besser war. Sein Sohn ging übrigens mit meinem Bruder zur Schule.

Landleben-Idyll.

17-8-18

Bin auf die Idee gekommen, das K5 zu googlen. Nicht viel gefunden. Es scheint so, als sei der Laden, in dem die halbe Stadt die Jugend verbracht hat, ins Reich der Legenden verschwunden. Frage mich, ob ich überhaupt darüber schreiben soll. Wen interessiert das? Und dann ist da noch das mangelhafte Gedächtnis – wie hieß Jasnas Freundin nochmal? Die 3 Starbedienungen, als ich anfing, Jasna, Nina und ?

Das ist schon seltsam. Ich weiß noch, wie es roch, wie es aussah, in welchem Kühlschrank welche Getränke standen…, wow, sich erinnern ist Arbeit.

Hier ein Bild. von 2003, lange nach meiner  Zeit.

wie ein Schmetterling

15-8-18

Super Stück mit Ralf gemacht, das wird die Hintergrundmusik für Sanne und Rick in der Teestube. Das war eine meiner Ideen aus der Pionierzeit der Digitalisierung, Bücher mit Musik und Geräuschen (und Links als Wurmlöcher zu alternativen Handlungssträngen), als ich das damals jemandem erzählt habe, meinte er. „Das sind Computerspiele.“

Ich bin also Barkeeper geworden, um ein paar Jahrzehnte lang Getränke zuzubereiten, und wartete, bis die Welt mich verstand.

Mein Nachbar mäht den Rasen, den er jeden Tag mit Unmengen von Wasser am Leben hält. Doppelte Arbeit, Ressourcenverschwendung, Lärmbelästigung, macht also total Sinn heutzutage. Ich setze den Kopfhörer auf und kontere mit der Carter Family.

Aha, flash fiction heißt das, was ich hier mache. Hab ich gerade in der Kulturzeit gelernt. Patsch, Etikett drauf, und wir haben’s begriffen.

Der Mann sah nicht schlecht aus, aber der Schnauzbart ging gar nicht.

Wo bin ich?“ stieß er hervor, sein Blick schweifte nervös umher.

Das ist unsere Teestube.“ Sanne wies vage auf die batiktuchverhangenen Wände, die Kerzen, das Räucherwerk, die Messingaccessoirs, die Tüte Chips. Im Hintergrund plätscherte fernöstlich angehauchte Musik.

Ich bin Sanne, hi, und wer bist Du?“

Und ich bin Betamyzel,“ sagte das Schiff.

Mein Schiff ist auch sehr geschwätzig,“ meinte der Mann.

Ja, das haben sie wohl so an sich. Setz Dich doch…äh…“

Rick Burton, Abenteurer im Weltall, angenehm.“ Er war schnell von dem bestickten Kissen aufgesprungen, auf das er sich gesetzt hatte, verbeugte sich leicht und zog mit dem Zeigefinger den Schnauzer nach.

Der muss echt weg, dachte Sanne und stellte sich vor, dass er wie ein Schmetterling aus dem Gesicht des Mannes davonflatterte.

Habt ihr vielleicht auch gescheite Musik da?“ fragte er jetzt, „was rockiges vielleicht?“

Ich hab auch noch anderes zu tun!“ Das Schiff klang leicht gereizt.

Mach’s trotzdem“ sagte Sanne, das Schiff gehorchte und Rick bekam große, große Augen.