Buddha gießen

Morgens hockt Buddha noch entspannter da als sonst. Auf der Bank vor dem Haus sitze ich ihm seit Jahren gegenüber, schaue ihm in die Augen, er wird mir immer ähnlicher, andersrum. 
Es wird Zeit, auf dem Friedhof die Gräber zu gießen. Meine Verwandten versammeln sich nach und nach an diesem Ort, wenn ich den großen Parcours mache, besuche ich inzwischen 5 Gräber. Alfred ist da, wie immer. Er ist in seinen späten 70ern, kommt wackelig auf seinem Dreirad-e-bike – ein early adopter in unserem Dorf – um seine Frau zu gießen, die direkt neben Tante Anna und Großonkel liegt. Wir reden über das Wetter, wie immer. Er meint, wenn es kühler wäre, würden wir es wärmer haben wollen. Ein weiser Mann, den ein jüngerer Stolle als retardierten Spießer verachtet hätte.
 Etwas weiter weg gießt eine Frau, die ich nicht kenne. Wir reden übers Wetter, und es stellt sich heraus, dass sie genau weiß, wer ich bin und wo ich wohne. Sie gießt Familie Müller, das hilft mir nicht weiter, es gibt viele Müllers im Dorf. Ich versuche, sie mir vor 30 Jahren vorzustellen, während sie von meinem Bruder erzählt, der mit ihrer Tochter zur Schule gegangen ist.  Anders als andere Dörfler will sie nicht wissen, was ich mache, und ich kann meine Brotloser-Künstler-Routine stecken lassen.
Neben unserem integrativen Tante Emma- Laden, ist der Friedhof das Zentrum für soziale Kontakte im Dorf, meine Mutter kann Pärchen benennen, die sich hier kennengelernt haben. Es kommen viele her, die Bänke vor dem Haus vererbt bekommen haben und beharrlich gießen.  Es ist gewiss viel Heuchelei dabei, aber wirklich schlimm sind die, die nicht gießen, wie ich bis vor kurzem. 
Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Großonkel, er starb, als ich 7 war. Aber ich sehe ihn deutlich vor mir, wie er in seinem, jetzt meinem Wohnzimmer demonstrierte, wie ich mit meiner Stimme ein erfolgreicher Sänger werden würde: „Du mußt hin und her gehen und Dinge berühren,“ meinte er, ging zur Kommode, die ich sofort beim Einzug weggeworfen habe, legte sanft die Hand darauf und blickte nachdenklich in die Unendlichkeit.
2002 sah ich Gillian Welch mit genau demselben Blick singen, in Down From The Mountain, dem besten Konzertfilm aller Zeiten.
Sicherlich channelte mein Großonkel damals eher Roy Black, aber er und Gillian sahen dasselbe.

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