Jasna, verdammt

15-8-18

Jasna, verdammt“ fluche ich, „das ist Kokossyrup, der Zuckersyrup steht daneben.“ Der Laden brummt, wir rennen seit Stunden. Drei Bedienungen, zwei Barkeeper, ich lasse die CDs durchlaufen, keine Zeit, vernünftig Musik aufzulegen, und Jasna ist mal wieder blind. Die platinblonde Exiljugoslawin verträgt keine Kontaktlinsen und ist zu eitel, ihre Brille zu tragen. Schließlich sind wir hier im angesagtesten Laden der Stadt, das Konzept Bahnhofshalle für Möchtegernyuppies hat voll eingeschlagen, die 80er sind gerade vorbei und Grunge noch nicht erfunden. Das Team besteht ausschließlich aus Veteranen aus dem K5, und es ist interessant, wie schnell wir von Indieslackern zu durchgestylten Nightlifeikonen mutiert sind. Und ich spiele statt Hüsker Dü Paolo Conte. Egal.

Peter, unser Chef, sitzt an der Theke und malt einen Tischplan, Richie und Hannes sind beim siebten Pils, Diana, meine bessere Hälte, kommt hereingerannt und brüllt „spül mal Kaffeetassen“, Robby hat sich gerade beim Limettenschneiden verstümmelt (er wird Chirurg werden), nur Veronique ist die Ruhe selbst, auf franzuösisch, denn sie kann noch kein Deutsch.

Bedienungen sind ein besonderer Menschenschlag, ähnlich Krankenschwestern. Hartgesottene, unendlich belastbare Wesen mit meist derbem Humor. Ich habe sehr viele davon kennengelernt, und den meisten davon würde ich mein Leben anvertrauen. Zu Beginn der 00er-Jahre schien dieser Schlag von Frauen auszusterben, sie wurden egoistischer, empfindlicher und weniger emanzipiert, aber das war nur eine Phase, die glücklicherweise vorüberging.

Jasna zum Beispiel war bereits das zweite Mal mit einem Gast durchgebrannt, (kann sein, dass die Erinnerung mir einen Streich spielt und ich sie mit ihrer Freundin in einen Topf werfe, deren Namen ich vergessen habe, es ist lange her) zunächst ein US-Soldat, dann ein weiterer Exiljugoslawe. Jetzt ist sie wieder da, ich vermute, es war der Krieg, sie spricht nicht darüber. Wir brüllen uns an wie früher, alles in Ordnung also.

Die Lüftung ist ausgefallen, gut so, dann trinken sie mehr. Im alten Laden war das Kondenswasser die Wände heruntergelaufen, die Leute noch dichter gedrängt als hier, täglich Schlägereien Punks gegen Amis, Amis gegen Amis, Punks gegen Punks, dagegen war das hier zivilisiertes betreutes Trinken. Es gibt kein Kühlhaus, nur eine kleine Box für sechs Fässer, was bedeutet, dass wir recht schnell warmes Bier verkaufen, das nur als Schaum aus dem Zapfhahn kommt.Wir haben noch einen gemütlichen Nebenraum, aber der interessiert niemanden, gesehen zu werden ist wichtiger als kaltes Bier.

Ich bin durch mit den Kaffeetassen und schaue zu den Gästen. Der erste, den mein Blick träfe, würde das nächste Getränk erhalten. Zwei Latte Macchiato. Ich Glückspilz.

Stolle, verdammt, mach mal gescheite Musik!“ ruft Jasna herüber.

Jasna, ich renne.

Mach’s trotzdem.“

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