Thanksgiver also

Stephans neue Platte ist da. Um dies anständig zu würdigen, habe ich meinen Thorensplattenspieler mit einer neuen Nadel bestückt, die ich Mitte der 90er bei Radio Ade gekauft habe, der kurz danach zugemacht hat. Es war ein damals schon sehr oldschooliges Elektrofachgeschäft, alles aus Holz, großer Tresen mit Glasdecke, damit man das teure Zeug darin bewundern konnte, und dahinter unzählige kleine Holzschubladen mit weiterem Zeug, und darüber noch mehr Zeug bis unter die Decke, viel, viel Zeug. Man lief in den Laden, dort standen Menschen hinter der Theke, denen sagte man, was man wollte, und dann bekam man das zu einem vernünftigen Preis. Hatte man ein defektes Gerät daheim, brachte man es zur Reparatur her.

Aus einer mysteriösen Vorahnung heraus habe ich damals gleich fünf Nadeln mitgenommen, ich war jung und hatte das Geld.

Die Nadel ist montiert, und der Plattenspieler bei der Gelegenheit vom Staub befreit, ich höre nur noch selten Vinyl, jedesmal, wenn ich vom Sofa aufstehe, knacken die Knochen, das war früher irgendwie anders.

Das Cover, ein Gatefoldsleeve, schwarz in schwarz, Kunst halt. Wow, ich hab vergessen, wie groß so ein Teil wird, wenn man es aufklappt. Oh, ein Blatt mit Songtexten und Credits, falt, falt. Sowas hängt man sich an die Wand, um damit anzugeben, wie ich mit 15, da hingen in meinem Zimmer das Collageposter und die vier Fotos der Beatles aus dem White Album, ein klares Statement, dass ich jetzt nicht mehr Bay City Rollers höre.

An der anderen Seite klebt ein Briefumschlag, mit einer Karte drin. Diese Karte hängen wir nicht zu den anderen Karten an der Tür, denn sie ist offenbar ein Schatz.

Im Internet steht, dass die Platte mit dem langen Stück losgeht, das ist natürlich Blödsinn, das lange Stück gehört auf Seite 2.

Ich lege also die andere Seite auf, knister knister, das Bach-Stück beginnt. Ich denke über Stephans Sängerinnen nach. Er hat eine Weile gebraucht, bis er eine Vernünftige fand, eine, die auch mal ein Gefühl ausdrücken kann. Steffi kann das, und ihre Stimme hat eine Kehligkeit, an der ich mich festhalten kann, sehr schön, vielleicht hat sie Lust auf eine Bluesband? Gut jedenfalls, dass die Zeiten vorbei sind, als ich am Gesang vorbeihören musste, um zur Musik vorzudringen.

Dann kommt das nächste Stück, und das übernächste, und das Stück danach, und die Seite ist fertig und ich sitze mit offenem Mund da. Als mein Gehirn wieder funktioniert, denke ich okay, wenn Mark Hollis keine Platten mehr machen will ist das nicht schlimm, wir haben Stephan. Der Einfluss ist natürlich deutlich, aber noch deutlicher ist Stephan, mit dem ich fünf Jahre musiziert habe und den ich in- und auswendig kannte. Dass er direkt in mein Herz spielt, wußte ich schon immer. Mich interessiert auch eher weniger, was er ausdrücken will, ich habe selbst massenhaft Tote in der Familie. Aber diese Platte trifft, und sie trifft hart.

Er hat es tatsächlich fertig gebracht, ein wundervolles Juwel zu schaffen, und zwar, indem er gereift ist. Ich könnte niemals so viel Arbeit in ein Kunstwerk stecken, aber Stephan kann das, und inzwischen kann er das ohne Kinkerlitzchen und ohne sich zu verrennen. Er läßt allen Blödsinn weg, malt mit den Klängen, hier machen wir dies, dort machen wir das, und das hier lassen wir weg.

Die andere Seite ist übrigens noch besser, ein Monolith von einem Statement, man könnte befürchten, dass so ein Monster unter dem eigenen Gewicht zusammenbrechen müsste, aber nein – es ist eine Reise, und  ich freue mich auf die Stelle mit den Drumbeats, und das heißt was, denn er ist ein einzigartiger Schlagzeuger, und ich hielt es jedesmal für ein Verbrechen, wenn er die Drums programmierte statt selbst zu spielen.

Ja doch, Mann, ich höre hin.

Und ich werde die Platte noch viele Male hören, denn sie ist wirklich outstanding, und das sage ich nicht, weil ich den Künstler kenne oder so, sondern weil sie ein verdammtes Meisterwerk ist.

Thanksgiver also?

Danke, Stephan.

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2 Kommentare zu „Thanksgiver also

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